Eines der Gründertiere der Biberpopulation an der Hase.

Die Emslandbiber

To the English version Biologie des Bibers

Morphologie und Anatomie des Bibers


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Biber sind die größten lebenden Nagetiere der Nordhalbkugel. Lediglich das in Südamerika lebende Wasserschwein Hydrochoerus hydrochaeris ist größer. Ein erwachsener Biber kann zwar über 30 kg schwer werden, doch zieht Hinze (1950) Angaben von 40 kg und mehr in Zweifel. Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt etwa 100 cm, die Kelle hat eine Länge von etwa 30 - 34 cm und eine Breite von ca. 17 cm, wobei die Weibchen im Mittel größer und schwerer sind als die Männchen (Freye 1978). Die Ohrmuscheln sind klein (3 - 4 cm) und rund und auch die Augen sind - für ein Tier dieser Größe - vergleichsweise klein.
Erwachsene Tiere zeigen im Jahresverlauf Gewichtsschwankungen von z.T. mehr als 3 kg, wobei das Gewicht zum Ende des Sommers hin seinen Höchstwert und zum Ende des Winters den Tiefstwert erreicht (Djoshkin & Safonow 1972). Diese Gewichtsschwankungen lassen sich unter anderem auf die Art der Nahrung zurückführen, die im Winter fast ausschließlich aus der Rinde von Holfzpflanzen besteht.

Biberschädel in Seitenansicht
Biberschädel in Seitenansicht.
Beachte die großen Schneidezähne
und das Diastema.
Aufgrund ihrer semiaquatischen Lebensweise zeigen Biber spezifische morphologische und anatomische Anpassungen. So verfügen sie als Schutz gegen Auskühlung unter anderem über ein dichtes Fell mit langen Grannen- oder Deckhaaren und feiner, dichter Unterwolle: dorsal wachsen etwa 12 000, auf der Bauchseite sogar 23 000 Haare pro cm2 (Djoshkin & Safonov 1972). Im Winter bietet zusätzlich ein gut ausgebildetes Unterhautfettgewebe, das sich die Tiere im Herbst zulegen, Schutz gegen Kälte.

Neben den langen, an der Vorderseite orangefarbenen Schneidezähnen, die über eine offene Wurzel verfügen und lebenslang nachwachsen, fällt am Schädel das Diastema, die für Nagetiere und Hasenartige typische Lücke zwischen den Schneide- und den Backenzähnen auf. Die Lippen können in diese Lücke "gezogen" werden und verschließen so beim Nagen den hinteren Mundraum. Dadurch wird verhindert, dass Holzspäne oder - z.B. beim Schneiden submerser Pflanzen - Wasser in den Mundraum eindringen (Hinze 1950; Heidecke & Ibe, ohne Jahreszahl). Auf das Diastema folgen in jeder Kieferhälfte ein Prämolar und drei Molaren. Die Zahnformel, d.h. die Anordnung der insgesamt 20 Zähne im Gebiß des Bibers, lautet:

1 0 1 3


1 0 1 3

Portrait eines schwimmenden Bibers
Portrait eines schwimmenden Bibers.
Nase, Augen und Ohren liegen
etwa auf einer Linie.
Nase, Augen und Ohren des Bibers liegen beim Schwimmen auf einer Linie oberhalb der Wasseroberfläche (s. Video und Foto). Wenn das Tier zügig schwimmt, ragt nur noch der Kopf über die Waseroberfläche, der Rest des Körpers (Rücken und Becken) liegen dagegen unterhalb des Wasserspiegels. Beim Schwimmen erreichen Biber eine Geschwindigkeit zwischen 4 und 10 km in der Stunde (Zahner et al. 2005). Innerhalb einer Nacht können die Tiere problemlos 30 bis 50 km zurücklegen, wobei solche Entfernungen aber in der Regel nur von abwandernden Jungtieren zurückgelegt werden (erwachsene Tiere haben normalerweise ein Revier und sind daher relativ ortstreu).
Beim Tauchen verschließen die Tiere die Nasen- und Ohrenöffnungen, so dass auch bei längeren Tauchgängen kein Wasser eindringen kann. Biber können - etwa auf der Flucht, bis zu 20 Minuten unter Wasser bleiben (Zahner et al. 2005), wobei normale Tauchgänge jedoch meistens wesentlich kürzer ausfallen. Beim Tauchen reduziert sich die Herzschlagfrequenz um bis zu 20% (Zahner et al. 2005), wodurch die Tiere ihren Sauerstoffverbrauch absenken und so die mögliche Tauchzeit verlängern können.

Videoaufnahme eines schwimmenden Bibers. Das Tier beobachtet neugierig den Kameramann und schwimmt deshalb nur relativ langsam. Daher ist von dem Tier auch noch ein Teil des Beckens oberhalb des Wasserspiegels zu sehen, was bei schwimmenden Bibern sonst nicht der Fall ist (Video: Freihand-Aufnahme von Christoph Elbert, Meppen).

Die Füße des Bibers sind groß, bis zu 20 cm lang und tragen Schwimmhäute zwischen den Zehen. Die Zehen enden in kräftigen Krallen, wobei die zweite Zehe jeweils eine Doppelkralle, die Putzkralle trägt, die bei der Fellpflege eine Rolle spielt.

Schematische Zeichnung einer Biber-Hand, welche ein Fraßholz hält.
Schematische Zeichnung einer
Biber-Hand, welche ein Fraßholz
hält. Beachte, dass an Stelle des
Daumens, der kleine Finger
opponiert wird.
Die Hände sind relativ klein. Der Daumen ist kurz und nicht opponierbar. Beim Halten von Fraßhölzern wird der kleine Finger unter das Holz gelegt und dient als Widerlager. Wie die Zehen tragen auch die Finger kräftige Krallen, die für das Graben wichtig sind. Die Hände tragen keine Schwimmhäute und werden beim Schwimmen unter den Kopf gehalten.

Der Antrieb im Wasser erfolgt ausschließlich durch die Hinterextremitäten: Biber sind Beinschwimmer. Bewegen sich die Tiere an Land fort, so setzen sie als Sohlengänger Hände und Füße mit der gesamten Hand- bzw. Fußfläche auf.

Biber ernähren sich ausschließlich vegetarisch. Wie alle Nagetiere, die überwiegend cellulosehaltige Nahrung zu sich nehmen, verfügen Biber über einen großen Blinddarm, in dem Cellulase produzierende Bakterien die Cellulose der pflanzlichen Zellwände aufspalten und außerdem verschiedene Vitamine produzieren. Ohne die Mithilfe dieser Mikroorganismen wären Biber (wie alle anderen Säugetiere auch) nicht in der Lage, die pflanzliche Cellulose zu verwerten, da der Säugetierorganismus selber keine Cellulose-spaltenden Enzyme produziert. Bei der Spaltung der Cellulose durch die Blinddarmsymbionten entstehen in erster Linie kurzkettige, flüchtige Fettsäuren, die direkt im Blinddarm und zum Teil auch noch in dem anschließenden Dickdarm resorbiert und so dem Organismus als Energielieferant zur Verfügung stehen. Berechnungen zu Folge decken die Biber auf diese Art und Weise etwa 19% ihres Energiebedarfs aus solchen flüchtigen Fettsäuren (Hoover & Clarke 1972).
Biber produzieren ähnlich wie viele Nagetiere zwei Arten von Kot: den geformten Abfallkot und den breiartigen Blinddarmkot - die Caecotrophe. Während der Abfallkot direkt in das Wasser abgegeben wird, nehmen die Biber den Blinddarminhalt oder Blinddarmkot erneut auf. Dies geschieht an Land, wobei der Blinddarmkot auf die Kelle abgegeben und von dort aufgenommen wird und erneut den Verdauungstrakt passiert. Dabei werden weitere, aus der Celluloseaufspaltung stammende Kohlenhydrate verdaut und weiterhin auch die mit dem Blinddarmkot aufgenommenen Bakterien, die so zusätzliche Proteine und damit Aminosäuren liefern. Außerdem gelangen die Biber so an die von den Bakterien produzierten Vitamine (hauptsächlich Vitamine der B-Gruppe sowie Vitamin K). Die Resorption der Nährstoffe bzw. der Spaltprodukte erfolgt wie bei allen Säugetieren im Dünndarm, der bei Bibern als Pflanzenfressern eine Länge von über fünf Metern erreichen kann.

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